Realzinsen sinken seit langem

by | Feb 7, 2018 | Einblick, Finanzieren, Investieren

700 Jahre Zinsgeschichte

Seit über drei Jahrzehnten lässt sich ein deutlicher Rückgang der Zinsen beobachten. Historisch betrachtet ist diese Entwicklung aber keineswegs einmalig. Eine von der Bank of England veröffentliche Studie zeigt: Der Trend zu immer tieferen Zinsen kann bereits seit mehreren Jahrhunderten festgestellt werden. Was bedeutet also das derzeit niedrige Zinsumfeld im größeren Kontext?

Um diese Frage zu beantworten, schauen wir uns zunächst die wichtigsten Erkenntnisse der Studie an:

  • Insgesamt lassen sich in den letzten 700 Jahren neun Phasen deutlichen Rückgangs der Realzinsen identifizieren. Diese dauerten mindestens zehn bis maximal 60 Jahre an und führten zu einem Rückgang des Realzinses um fünf bis 17 Prozentpunkte.
  • Über einen Zeitraum von 700 Jahren lag der risikofreie Realzins im Durchschnitt bei 4,78 Prozent, im Schnitt der letzten 200 Jahre bei 2,6 Prozent. Deutlich über dem heutigen Niveau von Nahe null.
  • Den historischen Höchststand erreichte das reale Zinsniveau im 15. Jahrhundert mit rund 25 Prozent angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen und dem Fall von Konstantinopel.
  • Hinter dem Rückgang des Realzinses in den letzten 200 Jahren steht auch die Zunahme der Inflation. Betrug diese über 700 Jahre durchschnittlich 1,09 Prozent, stieg sie im letzten Jahrhundert auf rund 2 Prozent an.
  • Der Zeitraum seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist die einzige Periode, in dem es zu keiner Deflation kam. Dies dürfte auf die völlige Loslösung vom Gold zurückzuführen sein.
  • Der reale risikofreie Zins war mehrmals in den letzten 700 Jahren deutlich negativ. Zuletzt in den 1940er-Jahren.
  • Die Phase seit Mitte der 1980er-Jahre ist zwar die zweitlängste, aber zugleich die mit dem geringsten Rückgang der Realzinsen. Sie könnte folglich noch weiter andauern.

Fazit

Es kann davon ausgegangen werden, dass auch in früheren Zinssenkungsphasen die Meinung aufgekommen ist, dass die Zinsen „nie wieder steigen“. Dennoch stiegen die Zinsen immer wieder an, und zwar, wie die Studie zeigt, durchaus dramatisch. Im Durchschnitt stieg das reale Zinsniveau innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Trendwende um über drei Prozent. Als Auslöser für die Trendwenden identifiziert die Studie Katastrophen wie die große Pest und Kriege. Nur Optimisten können mit Blick auf die heutige Situation in der Welt behaupten, dass ähnliche Katastrophen ausgeschlossen sind.

Zur Person:

Dr. Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Forums beyond the obvious, das Antworten auf die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Fragen unserer Zeit sucht. Er war von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der internationalen Strategieberatung The Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Von 2003 bis 2011 verantwortete er weltweit das Geschäft der BCG-Praxisgruppe Corporate Development (Strategie und Corporate Finance). Für die WirtschaftsWoche Online schreibt der Finanzexperte, der auch im Advisory Board von Loanboox sitzt, jede Woche die Kolumne “Stelter strategisch”.

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