Professor Dr. Michael Bruno Klein und DR. Johannes Winter erläutern:

Die digitale Transformation ist in aller Munde und stellt einen grundlegenden Strukturwandel dar, der alle Lebensbereiche betrifft und verändert. Dabei klingt dieser „Strukturwandel“ so technisch und unpersönlich, bedeutet aber das genaue Gegenteil, nämlich einen Bewusstseinswandel aller Akteure. Ein Beispiel: Carsharing ist nicht einfach nur ein Auto ausleihen, sondern Verfügbarkeit – nicht mehr Besitz. Hier verändert sich also etwas auf der mentalen Ebene. Die gesamte Bibliothek ist nun im eReader und nicht mehr als Dokumentation der eigenen (vermeintlichen) Bildung in großen Bücherregalen, die das ganze Arbeitszimmer prägen – und bei online-meetings gerne als Hintergrund genutzt (oder eingeblendet?) werden. In der Wirtschaft haben sich zahlreiche Wertschöpfungsbereiche fortwährend an neue Marktbedingungen anpassen müssen (Stichwort „Globalisierung“). Die digitale Vernetzung, die Entwicklung einer Plattformökonomie und die Fortschritte der Künstlichen Intelligenz (doch Vorsicht: Rechnen ist nicht Denken und Korrelation ist nicht gleich Kausalität) werden Wertschöpfung weiter verändern. Bisher erfolgreiche Geschäftsmodelle werden innoviert oder verschwinden ganz, datengetriebene Geschäftsmodelle dominieren zunehmend. Die Arbeitswelt wird eigenverantwortlicher und flexibler (das ist die positive Bewertung) oder unüberschaubarer und unsicherer – das ist die negative Auslegung. Fest steht – und das nicht nur durch die Corona-Pandemie ausgelöst – Leben und Arbeiten rücken näher zusammen – das Stichwort lautet Homeoffice und der schon etwas abgegriffene Begriff des „lebenslangen Lernens“ erlebt in diesem Zusammenhang ein Comeback – und das nicht im Sinne von „Weiterbildungs-Urlaub“. Digitale Technologien als Basis für gesellschaftliche Teilhabe In der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sind digitale Technologien – und der kompetente Umgang mit diesen – gleichbedeutend mit einem verbesserten Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe. Reichte bisher die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, werden künftig neue Kompetenzen benötigt. Betrachten wir zunächst den Begriff der Kulturtechnik: Kulturtechniken sind kulturelle Konzepte zur Bewältigung von konkreten Herausforderungen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Bei der Entwicklung solcher Kulturtechniken handelt es sich immer um Errungenschaften, die in einem soziokulturellen Kontext entstehen, weshalb Kulturtechniken auf sozialer Interaktion und gesellschaftlicher Teilhabe (Partizipation) gründen. Einfache Kulturtechniken sind z.B. Jagen und Feuer machen, komplexere Kulturtechniken stellen z.B. Landwirtschaft und Wissenschaft dar. Dafür sind jeweils individuelle Kompetenzen notwendig – hier einige sehr vereinfachte Beispiele: Der Mensch der Steinzeit musste in der Lage sein zu jagen, Feuer zu machen und zu kämpfen. Später kamen Ackerbau und Viehzucht sowie die Fähigkeit des Handelns hinzu, Jagen und Kämpfen traten in den Hintergrund. Der mittelalterliche Ritter musste nicht nur Jagen und Kämpfen (auch Turnier) können, sondern auch Tanzen und „Minne“ beherrschen. Heute wird gesellschaftliche Teilhabe in der Regel durch Lesen, Schreiben und Rechnen bestimmt. Was aber zu jeder Zeit wichtig war, ist die Kompetenz der Kommunikation, also sich austauschen zu können. Wie ist aber nun Digitalisierung als Teilhabe zu verstehen? Welche Fähigkeiten benötigt der Mensch im Rahmen der Digitalisierung als Kulturtechnik? Fragen wir zunächst, was eigentlich das Ziel der Digitalisierung ist? Oftmals lautet die Antwort – die vernetzte Gesellschaft, aber das ist zu kurz gesprungen. Ziel der Digitalisierung ist eine Gesellschaft, in der wir besser, gesünder und sicherer leben können. Das Mittel dazu kann die Digitalisierung sein. Ein wesentliches Merkmal wird ein neues Miteinander von Mensch und Maschine sowie die Ungebundenheit an den Raum. Der durch Corona veranlasste “Sprung in die Digitalisierung” ist dafür ein Beispiel – zoom-meetings mit Partnern weltweit und Statussymbole wie ein großes Büro oder die Assistenz im Vorzimmer fallen einfach weg. Weg fallen jedoch auch die bisherigen Mittel der damit verbundenen Einschätzung des Gegenüber, die Atmosphäre und die „Chemie“ sind nicht mehr so einfach zu greifen. Kommunikation wird direkter und interkultureller, aber eben nicht persönlicher. Ein Beispiel ist die Entwicklung von Fremdsprachenkompetenz in der Zukunft: wer hat schon Lust, Stunde um Stunde Vokabeln und Grammatik zu pauken, wenn der kleine Sprachcomputer (C3PO lässt grüßen) alle Sprachen perfekt beherrscht und ich dazu nur noch einen kleines Mikro und einen Knopf im Ohr brauche? Allerdings ist die Beherrschung einer Fremdsprache mehr als nur Sprache, sondern der Zugang und das Verständnis einer Kultur. Ob dieses Bewußtsein jedoch ausreichen wird, um doch noch Vokabeln und Grammatik Stunde um Stunde zu lernen, ist aus unserer Sicht mehr als fraglich. Welche Kompetenzen werden nun in der Digitalisierung gebraucht? Hier wird oftmals von „general literacy“ gesprochen, also das grundlegende Verständnis von digitaler Funktionslogik und deren Umsetzung in Hard- und Software (Funktionslogik nicht zu verwechseln mit Programmieren). Weitere Kompetenzen sind Anwendungskompetenz (also die aktive und zielgerichtete Nutzung von digitalen Medien) sowie Diskurskompetenz (also die sachlich fundierte und konstruktive Teilnahme an Debatten und das kollektive Lösen von Problemen). Dies ist nicht zu schaffen mit einem Pflichtfach Informatik, sondern im Gegenteil: digitale Kompetenz muss in Bezug auf jeden Lebensbereich (und jedes Schulfach) entwickelt werden. FinTechs sind digitale Vorreiter Was bedeutet das nun speziell für den Finanzsektor? Wo sind die Chancen der Digitalisierung für neue Geschäftsmodelle bzw. neue Ertragsquellen? Welche konkreten Kompetenzen müssen Mitarbeiter/innen von Finanzinstituten haben? Eine Antwort ist – wie immer – mal sehen, was die Vorreiter machen, im Finanzbereich also FinTechs, da diese über digitale Kompetenzen verfügen, die man zumindest kennen sollte. Zwei Praxisbeispiele aus dem großen Fundus der deutschen KI-Landkarte geben Aufschluss: In Zeiten von elektronischen Bezahlnetzwerken, E-Wallet und Blockchain sind drei- bis fünfstellige Finanztransaktionen pro Sekunde keine Seltenheit – und das wird angesichts exponentiellen Wachstums in der IT-Industrie nicht das Ende der Fahnenstange sein. Allerdings kann bei dieser Datenflut kein Mensch Betrugsvorfälle wie Identitätsdiebstahl, Kontofälschung oder Account-Übernahme identifizieren und Transaktionen rechtzeitig stoppen. Schon gar nicht in Echtzeit (unter einer Millisekunde). Hier kommen FinTechs wie Risk Ident mit ihrem digitalen Geschäftsmodell ins Spiel: die Betrugserkennungssoftware der Hamburger, die 2012 aus der Otto-Group hervor gingen, erkennt mittels Machine-Learning-Algorithmen Unregelmäßigkeiten wie Kontoübernahmen durch Phishing, Schadsoftware oder Datendiebstahl. Digitalisierung reduziert in diesem Fall das Schadenspotential und hilft dort, wo wir Bedrohungen schutzlos ausgeliefert wären. Ohne den Menschen geht dennoch nichts: menschliche Data Scientists etwa entwickeln Algorithmen, analysieren Daten, prüfen auf Plausibilität und haben damit Computerprogrammen etwas voraus: sie sind meist in der Lage, Korrelation und Kausalität zu unterscheiden – eine sehr wichtige Fähigkeit. Das zweite Beispiel zeigt, wie Liquidität in Unternehmen gesichert werden kann (in Corona-Zeiten wichtiger denn je), indem Forderungsmanagement und Inkasso digitalisiert werden. Das FinTech PAIR Finance hilft Mandanten wie Zalando und Klarna bei der Rückerstattung offener Forderungen und setzt dafür die KI-Methode Reinforcement Learning ein, um zielführende Strategien und erfolgreiche Abläufe wiederholbar zu machen. Das Berliner Start-up wertet dafür Merkmale wie Reaktionsgeschwindigkeit und Vertrauenswürdigkeit säumiger Klienten aus, um daraus Verhaltensmuster zu identifizieren und Zahlungsbereitschaft ableiten zu können. Da in Krisenzeiten häufig die Anzahl derer steigt, die unverschuldet mit Zahlungen in Rückstand geraten, geht es im digitalen Forderungsmanagement auch darum, Wege aus der Notlage für beide Seiten zu finden. Das können beispielsweise Ratenzahlungen oder Stundungen sein, die es Kreditor wie Debitor ermöglichen, ihre Kundenbeziehung vertrauensvoll fortzusetzen. Auch das kann Teilhabe durch Digitalisierung sein. Um neue, bedarfsorientierte Geschäftsmodelle zu etablieren, gewinnen ebenso plattformbasierte Lösungen für Unternehmen an Bedeutung. Plattformen sind kein neues Phänomen. Im privaten Bereich haben sie sich längst etabliert. Unternehmen wie Facebook, Uber oder Amazon gehören heute zu den wertvollsten Unternehmen der Welt und adressieren Millionen von Nutzern. Auch in der Finanzbranche fasst die Plattformökonomie seit einigen Jahren langsam, aber sicher Fuß. Neben klassischen Vergleichsportalen sind es aus Sicht der Banken vor allem digitale Kreditmarktplätze, die an Bedeutung zugenommen haben. Derartige elektronischen Plattformen verbinden kapitalsuchende Unternehmen bzw. Einrichtungen der Öffentlichen Hand mit Investoren und fungieren als „Matchmaker“. An die Plattform angeschlossene Investoren haben die Möglichkeit, dem Kunden individuelle Angebote zu unterbreiten. Hierbei helfen Algorithmen, die zum Beispiel nach Region, Branche, Laufzeit und Kreditvolumen filtern. Erst nach der Freigabe durch den Kreditnehmer werden die Finanzinstitute über die Anfrage informiert und können die Unternehmensdaten einsehen. Die internetbasierte Anwendung erlaubt den Investoren einen digitalen Zugang zu den aufbereiteten Informationen der Kreditnehmer mit entsprechenden Downloadmöglichkeiten – umgekehrt haben die Unternehmen zu jeder Zeit ebenso vollständige Transparenz, da Angebote eingesehen werden können, sobald sie von den Kreditinstituten hochgeladen werden. Kunden haben damit die Möglichkeit, zu diesem Zeitpunkt die Konditionen online und gegenüber dem Kreditinstitut ohne Zusageverpflichtung zu vergleichen. Kommen wir zurück zum Anfang: Kulturtechniken beruhen auf sozialer Interaktion und gesellschaftlicher Teilhabe und das gilt auch für die Digitalisierung. Lesen, Schreiben und Rechnen werden künftig nicht mehr das A und O der gesellschaftlichen Teilhabe sein (wenn auch sicherlich nützlich). Digitale Kompetenz im Sinne einer Anwendungskompetenz (= aktive und zielgerichtete Nutzung von digitalen Medien) und vor allem die Diskurskompetenz, d.h. die sachlich fundierte und konstruktive Teilnahme an Debatten und das kollektive Lösen von Problemen, werden an Gewicht weiter zunehmen. Übrigens: Das Denken wird uns dabei auch in Zukunft nichts und niemand abnehmen – allerdings nur, wenn wir bisher schon selbst gedacht haben. Haben wir das aber bisher schon nicht (das Denken), dann brauchen wir uns auch nicht zu fragen, wer künftig für uns denkt, denn das tut scheinbar schon jetzt ein anderer ….